Stift Melk: 6.400 steinerne Schätze hinter barocken Mauern
Den Grundstein zur Sammlung legte Abt Urban II. Hauer im Jahr 1767 mit dem Erwerb der Naturaliensammlung des Trientiner Weltpriesters Josephus Gianni. Darin befanden sich vor allem Muscheln und Schnecken, aber auch Mineralien. Was damals noch zum universalen Wissensdrang eines Klosters gehörte, entwickelte sich über Generationen zu einer wissenschaftlichen Sammlung. Mineralien dienten nicht nur der Betrachtung schöner Kristalle, sondern auch dem Unterricht. Das passt zu Melk: Seit 1160 besteht hier eine Klosterschule. Wissen wurde gesammelt, geordnet und weitergegeben, lange bevor jemand dafür das Wort Bildungsauftrag erfand.
Heute umfasst die Sammlung rund 6.400 Exponate, von denen etwa 1.300 gezeigt werden. Insgesamt sind rund 1.500 verschiedene Mineralienarten und Varietäten vertreten. Die Präsentation folgt der international gebräuchlichen Systematik des deutschen Mineralogen Hugo Strunz. Neben wissenschaftlich interessanten Stücken gibt es reichlich Material für Besucher, die bei „Mineralogie“ zunächst an den Chemieunterricht denken und vorsorglich Fluchtwege suchen. Diamanten, Smaragde, Rubine, Saphire, Türkise und Edelopale sorgen zuverlässig für eine Kurskorrektur. Besonders reizvoll ist die Edelsteinsammlung: Rund 120 verschiedene „edle Steine“ werden sowohl roh als auch geschliffen gezeigt. So lässt sich unmittelbar nachvollziehen, was Schleifen und Polieren aus einem zunächst unscheinbaren Fund machen können. Gerade der direkte Vergleich zwischen natürlichem Mineral und bearbeitetem Schmuckstein macht diesen Teil der Sammlung auch für mineralogische Laien anschaulich.
Schon der Raum selbst ist einen Besuch wert. Untergebracht ist die Mineraliensammlung in der ehemaligen Prälatenbibliothek, einem barocken Saal mit reicher Stuckausstattung. Das Deckengemälde zeigt das Stift im Jahr 1643 und damit noch vor seinem barocken Neubau. Auch Teile der Einrichtung gehören zur Sammlungsgeschichte: Historische Sammlungsschränke stammen aus den Jahren 1767 und 1803. Zwischen 1998 und 2007 wurden Raum, Schränke und Bestände umfassend restauriert. Jedes Exponat wurde gereinigt, bestimmt, hinsichtlich seines Fundortes überprüft, katalogisiert und neu beschriftet. Im Mai 2007 öffnete die Sammlung schließlich erstmals für die interessierte Öffentlichkeit. So steht heute nicht irgendeine moderne Ausstellungsvitrine im Kloster, sondern ein Stück Wissenschaftsgeschichte in seinem historischen Umfeld. Sammlung, Raum und Mobiliar erzählen dabei gemeinsam von fast 260 Jahren klösterlicher Beschäftigung mit Mineralien.
Wer die Mineraliensammlung sehen möchte, muss etwas genauer planen als für den normalen Stiftsrundgang. Von April bis Oktober ist sie täglich von 13.30 bis 15.30 Uhr geöffnet. Der Besuch ist nach Angaben des Stifts derzeit im Eintritt zur Stiftsbesichtigung enthalten. Bei großem Besucherandrang kann die Besichtigungszeit auf 15 Minuten begrenzt werden. Zudem ist der Zugang über eine historische Wendeltreppe nicht barrierefrei. Gerade weil die Sammlung abseits des üblichen Rundgangs liegt, bleibt sie ein bemerkenswerter Kontrast zu den großen Attraktionen des Stifts. Nach Marmorsaal, Bibliothek und vergoldeter Barockpracht warten hier keine Heiligen und Herrscher, sondern Quarz, Calcit und Edelsteine. Nach fast 260 Jahren Sammlungsgeschichte haben auch die einmal ihren großen Auftritt verdient.